Wenn Menschen von der Sucht nicht loskommen

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Liudmila Hannemann, Oberärztin in der Asklepios Psychiatrie in Langen. (Foto: Asklepios)

Liudmila Hannemann ist neue Oberärztin in der Asklepios Psychiatrie in Langen. Auf der Station für Abhängigkeitserkrankungen möchte sie Patienten helfen, die exzessiv Alkohol, Medikamente und illegale Drogen konsumieren.

Wenn Liudmila Hannemann von ihrem Beruf spricht, ist ihr Enthusiasmus anzumerken. Seit Anfang Februar ist die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie als Oberärztin in der Asklepios Psychiatrie in Langen tätig. Sie fühle sich gut aufgenommen, sagt sie und fügt hinzu, sie sei voll begeistert von ihrer Arbeit, bei der sie vielen Menschen helfen könne. In der Langener Psychiatrie ist sie zuständig für die Station für Abhängigkeitserkrankungen. 24 Betten stehen dort zur Verfügung.

Hannemann stammt aus Weißrussland und kommt aus einer Ärztefamilie. Auch Vater und Mutter waren schon Mediziner. Sie erlernte zunächst den Beruf der Krankenschwester und arbeitete schon damals ein Jahr in einer psychiatrischen Klinik. In den neunziger Jahren habe es noch eine Stigmatisierung in der Psychiatrie gegeben. Viele Menschen in Weißrussland hatten sich geschämt, bei psychischen Problemen zu einem Arzt zu gehen, oder hatten Angst gehabt, eingesperrt zu werden. Früher, in der Sowjetunion, galten noch andere Kriterien. Diese Angst habe sie den Patienten nehmen wollen. Hannemann studierte in Weißrussland Medizin und wurde Fachärztin für Psychiatrie. Sie wollte neue Wege einschlagen und nach neuen Möglichkeiten schauen. In diesem Beruf sei man ein Spezialist für die menschliche Seele. Hannemann ist sehr sprachbegeistert und erlernte schon in ihrer Heimat Deutsch, Französisch und Latein.

Ende 2000 kam sie aus persönlichen Gründen nach Deutschland. Zudem wollte sie sich beruflich weiterentwickeln. Die Zeit, bis alle Formalitäten erledigt und ihre Examen aus Weißrussland anerkannt waren, nutzte sie, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Gleichzeitig arbeitete sie wieder in der Pflege. Seit 2003 war Hannemann mit Unterbrechungen als Ärztin an verschiedenen Kliniken im Rhein-Main-Gebiet tätig. Sie begann, sich weiterzubilden, um in Deutschland den Titel ”Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie” zu erlangen. Ihre beruflichen Stationen waren verschiedene Kliniken in Hessen. Wichtig sei für sie gewesen, mehrere Klinikkonzepte sowohl für den stationären, teilstationären und ambulanten Bereich als auch die Akutpsychiatrie kennenzulernen, um Erfahrungen zu sammeln. Seit 2023 ist sie Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Suchtmedizin wurde ihr Spezialgebiet.

Schon während ihrer Zeit in Fulda war sie an der Eröffnung einer neuen Suchtstation beteiligt. Als Oberärztin pendelte Hannemann, die in Frankfurt am Main lebt, eine Zeitlang zu einer Klinik nach Bad Dürkheim, orientierte sich wegen der damit verbundenen langen Fahrzeiten mit der Bahn allerdings bald nach Frankfurt und Umgebung. Am dortigen Bürgerhospital absolvierte sie einen letzten Weiterbildungs-Baustein, bei dem der Schwerpunkt auf dem Umgang mit Konsumenten harter Drogen lag.

Anfang Februar folgte der Wechsel zur Asklepios Psychiatrie in Langen und zu deren Suchtstation. Hier findet sie alles vor, was ihr Spaß macht, wo sie sich gut auskennt und wofür sie ausgebildet wurde. Ihre Kenntnisse wolle sie gerne auch an ihre Kollegen weitergeben. Behandelt werden alkoholkranke Menschen, Patienten, die von Medikamenten, etwa Schmerzmitteln, oder illegalen Drogen wie Kokain und Amphetaminen abhängig sind, aber auch Patienten, die Substitutionspräparate wie zum Beispiel Methadon bekommen.

Man biete den Patienten eine qualifizierte Entzugsbehandlung an, macht Hannemann deutlich. Es gehe darum, Patienten nicht nur physisch, sondern auch psychisch zu entgiften. Dafür brauche man jedoch Zeit. Drei Wochen bleiben die Suchtpatienten auf der Station, deutlich länger als in manch anderen Krankenhäusern. Während der ersten drei Tage gibt es keinen Ausgang. Neben dem körperlichen Entzug stehen Psychoedukation, Rückfall-Prophylaxe, Umgang mit Suchtdruck und Motivationsarbeit bei der Behandlung im Vordergrund. Neben den Ärzten sind daran auch Psychologen, speziell geschulte Pflegemitarbeiter, Sozialpädagogen und weitere Fachtherapeuten beteiligt. Falls möglich und gewünscht, werden die Patienten anschließend an eine Entwöhnungseinrichtung weitervermittelt. Suchtpatienten, die Hilfe benötigen, können sich bei der Asklepios Psychiatrie in Langen melden. Es gibt allerdings eine Warteliste.

Wichtig ist nach den Worten von Hannemann, dass sich der Patient selbst meldet und dadurch zeigt, dass er Hilfe braucht und motiviert ist, gegen seine Sucht etwas zu unternehmen. Aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet finden Patienten mit einer Abhängigkeitserkrankung den Weg zur Asklepios Psychiatrie in Langen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich in der Klinik zu melden? Bei jedem Patienten sei es unterschiedlich, sagt Hannemann. Mancher wartet so lange, bis es nicht mehr geht, und wird von einem Rettungswagen in die Klinik gebracht. Bei all ihren Bemühungen können Hannemann und ihre Kollegen nicht verhindern, dass sie manche Patienten schnell wiedersehen. Nicht jedem gelingt es, nach der Behandlung dauerhaft auf Alkohol oder Drogen zu verzichten. Es handele sich eben um eine Sucht, macht Hannemann deutlich. Manche brauchen mehrere Anläufe. Wenn man einen Patienten wiedersehe, weil er rückfällig geworden sei, müsse man nach einer neuen Strategie schauen.

Hannemann hat ein ganz neues Team von Assistenzärzten, darunter eine Kollegin aus Sri Lanka und einen Kollegen aus Afghanistan. Diese kulturelle Vielfalt sei in Deutschland heute sehr wichtig. Das Konzept der Suchtstation habe man schon überarbeitet. Künftig möchte die Oberärztin das Angebot gerne erweitern und ambulante Suchtsprechstunden anbieten. Nicht jeder Patient müsse stationär aufgenommen werden. Bei manchen Betroffenen reiche es aus, sie bei einer ambulanten Behandlung zu begleiten.

(Text: PM LPR)