„Basketball statt Gottesdienst“: Wie Deutschland erstmals Weltmeister wurde

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Wie Deutschland erstmals Basketball-Weltmeister wurde: Zum Gespräch mit WM-Co-Trainer Sebastian Gleim (3. v. rechts) trafen sich (v. l.) Andreas Jäger (Leiter Amt für Sozialen Zusammenhalt und Sport), Dekan Dr. Martin Lückhoff, Basketballer Thorsten De Souza, Hanaus Bürgermeister Dr. Maximilian Bieri, Sven Witt, Andrej Korostin und Martin Schenk (TG Hanau Basketball) in der August-Schärttner-Halle in Hanau. (Foto: Stadt Hanau / Moritz Göbel)

Co-Trainer Sebastian Gleim in Hanau / Training mit TG Hanau U12

Die deutsche Herren-Basketball-Nationalmannschaft hat im Jahr 2023 Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal wurde sie Weltmeister. 32 Teams spielten in Japan, Indonesien und auf den Philippen um Medaillen, Deutschland gewann alle Spiele und krönte die Leistung am 10. September mit dem 83:77 gegen Serbien im Finale.

Den Spielern gehört der Ruhm – und dem Team dahinter. Dafür steht etwa Trainer Gordon Herbert und der aus Hessen stammende Sebastian Gleim (39). Der Co-Trainer war nun auf Einladung von Dr. Martin Lückhoff, Dekan und Pfarrer der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Hanau, in der August-Schärttner-Halle, zum Gespräch mit Hanaus Bürgermeister und Sportdezernent Dr. Maximilian Bieri und Andreas Jäger, Leiter des Amtes für “Sozialen Zusammenhalt und Sport” – sowie zum Training mit Kindern der U12 der TG Hanau. Den mehr als 40 Nachwuchsbasketballern vermittelte der Erfolgs-Coach schnell große Nähe, sprach und spielte mit ihnen, gab Tipps und Tricks weiter.

“Meine Trainer-Laufbahn begann im Alter von 16 Jahren”, berichtet der Bad Hersfelder. Den größten Erfolg der deutschen Basketball-Historie ordnet der Co-Trainer ein: “Neben Headcoach Gordon Herbert waren Klaus Perwas und ich Co-Trainer.” Das Trio kennt sich aus gemeinsamen Zeiten bei den Fraport Skyliners – bei dem Frankfurter Team spielten auch die heutigen Weltmeister Johannes Voigtmann und Isaac Bonga. Gleim: “Das Team hinter der Mannschaft war viel größer, wir hatten noch einen Coach aus der NBA dabei, von den Orlando Magic, dazu einen Analytiker und Athletiktrainer Arne Greskowiak”, der auch für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft und die Kölner Haie arbeitet. “Wir waren ein großes Team mit dem höchsten Level, den ich je erlebt habe”, schwärmt Gleim.

Der Weg zum WM-Titel, dem “Wunder von Manila”, wurde “in den vergangenen 20 Jahren” geebnet, so Gleim. “Die drei Monate sind ein Teil, aber man gewinnt nicht in drei Monaten eine Weltmeisterschaft, sondern eben die Arbeit, die geleistet wurde von vielen, vielen Trainern, Menschen, Sportdirektoren, die investiert haben in diese Zeit. Egal wo das ist in Deutschland, es ist einfach kontinuierlich alles besser geworden. Die Strukturen sind professioneller, es gibt mehr gute Spieler.”

Einen besonders hohen Stellenwert nimmt für Gleim Trainer Herbert ein: “Er ist wirklich Masterclass in solchen Situationen.” Über die Momente nach dem gewonnenen Halbfinale gegen das Team der USA, das die meisten Weltmeister-Titel erspielt hat, sagt Gleim in Hanau: “Herbert hat der Mannschaft im Prinzip gesagt, ‚heute komme ich eh nicht an euch ran, genießt diesen Moment mit dem Sieg gegen die USA. Aber morgen sind wir wieder alle da‘.” Gleim hebt Spieler Dennis Schröder hervor: “Es ist jemand, der da vorne weggegangen ist, wie kein anderer. Ich kenne ihn schon lange und bin echt stolz auf ihn, wie er das gemacht hat. Er ist zurecht MVP geworden ist”, also der wertvollste Spieler des Turniers.

Vor dem Finale wurde das Team aus Serbien analysiert. “Jeder hat seine Aufgaben bekommen, die Trainer, die Spieler, der Staff drumherum, die Jungs fit zu bekommen, fit zu halten. Und dann hat Gordi (Trainer Gordon Herbert, Anm.) übernommen und seine Ansprache gehalten. Er ist Masterclass mit seiner Stimme, seiner Präsenz, seiner Aura. Das ist wie in einem Sportfilm, wenn er spricht. Das packt einen einfach. Ich hatte wirklich keinen Zweifel, dass wir gewinnen und ich glaube, das ging vielen so.”

Die Zuversicht wuchs im Turnierverlauf. Gleim: “Vor dem ersten Spiel in Japan bist Du erstmal nirgendwo, du spielst gegen den Gastgeber das Auftaktspiel. Die haben einen unbekannten Spielstil, werfen aus jeder Lage auf den Korb.” Deutschland gewann mit 81 zu 63. “Ich denke, das mental schwierigste Spiel war das Spiel gegen Lettland. Jeder hat erwartet, dass wir gewinnen und es war sehr, sehr zäh.” Das Viertelfinale gewann Deutschland mit 81:79. Es folgte das Halbfinale gegen die USA: “Das mental einfachste Spiel”, so Gleim. Als Rezept gab Gleim preis: “Ich glaube, es geht darum, was die Spieler machen können und nicht was wir als Trainer von ihnen erwarten. Es ist wieder die Riesenstärke von Gordi: Er lässt die Jungs wie sie sind, er bringt sie in die Situation, in das Gefühl, dass sie über sich hinauswachsen können.”

Die Zeit seit der WM genießt Sebastian Gleim: “Ich zehre wahrscheinlich nicht nur dieses Jahr, sondern mein ganzes Leben davon, dass wir so was Tolles erlebt haben gemeinsam.” Dem Basketball bleibt er treu, hat an dem Nachmittag in Hanau Thorsten De Souza dabei, den er unterstützt: Der ehemalige Jugendspieler bei Eintracht Frankfurt und den Fraport Skyliners spielt heute in Aschaffenburg und fördert Street-Basketball, etwa an der EZB in Frankfurt. “Vor zwei Wochen kam das Angebot aus Neuseeland, ich werde für zwei Jahre dorthin als Trainer gehen, als Headcoach der Franklin Bulls in Auckland”, so Gleim.

Die nächste Station Neuseeland macht ihn sehr stolz: “Ich komme aus Bad Hersfeld, ein, würde ich sagen, eher kleineres Basketball-Umfeld. Eine prägende Situation für mich war, dass mir Dekan Lückhoff die Freiheit gegeben hat, zum Basketballspielen zu gehen, also Basketball statt Gottesdienst. Er hat mir das Gefühl gegeben, dass es okay ist. Das werde ich nie vergessen, weil das prägend für mich war.” Dr. Lückhoff war zu dieser Zeit Pfarrer in Bad Hersfeld, Gleim sein Konfirmand. “Kurz nach der Konfirmandenzeit habe ich mit 16 Jahren als Trainer begonnen.” Als er in Frankfurt die Skyliners trainierte, nahm Dr. Lückhoff den Kontakt wieder auf, so kam auch der Trainings- und Gesprächstermin in Hanau zustande, an dem auch Basketball-Verantwortliche der TG Hanau teilnahmen.

Ob Deutschland nun vor einer “Goldenen Generation” und weiteren Titeln steht, sei “nicht planbar. Ich würde mich freuen”, so Gleim. “Die Ausgangslage, sich für Olympia und die WM wieder zu qualifizieren und diese Ausgangslage ist deutlich besser, als vor einigen Jahren und die Chance, um eine Medaille mitzuspielen, ist höher. Das Entscheidende ist, dass man nach Erfolgen noch härter arbeitet.” Dass es einen positiven Effekt für den Basketball-Sport gibt, glaubt Sebastian Gleim sicher und betont, dass der Nachholbedarf groß ist: “In Spanien spielen 300.000 Minis, in Deutschland nur 40.000. Ich freue mich, wenn es neue Teams gibt und überhaupt die Chance, Basketball oder eine andere Sportart auszuüben. In diesem Rahmen lernen die Jüngsten auf ganz natürliche Art und Weise auch Dinge wie kleine Regeln, Teamzugehörigkeit, Spaß im Team, füreinander da sein und mehr.” Ein gutes Schlusswort von Sebastian Gleim, der dann gemeinsam mit Thorsten De Souza die Nachwuchsbasketballer der TG Hanau trainierte. “Ein wertvoller Besuch für unseren Hanauer Sport-Nachwuchs. Wegen der sportlichen Expertise und dem beispielgebenden Weg, den Sebastian Gleim gegangenen ist und geht”, bedankte sich Bürgermeister Dr. Bieri bei Dekan Dr. Lückhoff für den Kontakt zu WM-Gewinner Sebastian Gleim.

(Text: PM Stadt Hanau)