Interessanter Rundgang zeigt viele Facetten Weiskirchens

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Der Rundgang durch Weiskirchen startete in der ehemaligen Synagoge an der Hauptstraße. (Foto: PS)

Der Arbeitskreis Vielfalt in Rodgau bot einen weiteren Stadtspaziergang an. Diesmal war Weiskirchen an der Reihe. Unter der Leitung von Helmut Trageser, dem Vorsitzenden des Heimat- und Geschichtsvereins, startete der Rundgang an der ehemaligen Synagoge an der Hauptstraße.

Juden leben in Weiskirchen seit dem 18. Jahrhundert. Die Synagoge war ursprünglich das Wohnhaus des jüdischen Mitbürgers Gedalin, der in einem Zimmer einen ersten Gebetsraum einrichtete. Als die jüdische Gemeinde in Weiskirchen wuchs, wurde das Haus mit der Zeit zur Synagoge. Helmut Trageser erläuterte die Infotafeln, die in der alten Synagoge angebracht sind. Zu sehen ist unter anderem das Bittgesuch Gedalins, in seinem Haus eine „Betstube“ einrichten zu dürfen. Erzählt wurde auch die Geschichte von Mendel Mayer aus Steinheim, der im 19. Jahrhundert in Weiskirchen einheiratete und mit aus Manchester importiertem Cordstoff mit seinen Manchesterhosen zum reichsten Weiskircher wurde.

Bis zu 50 Mitglieder groß war die jüdische Gemeinde im Ort – bei einer Gesamteinwohnerzahl von 500. In der Nazizeit konnten einige jüdische Familien rechtzeitig emigrieren, andere wurden dagegen später in den Konzentrationslagern umgebracht oder überlebten den Holocaust knapp.

Die Nazis hatten in Weiskirchen, wo sich die SPD und die Zentrumspartei vor dem Dritten Reich bei den Wahlen meist ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten, einen vergleichsweise schweren Stand. Bis 1933 gab es keinen NSDAP-Ortsverband, bei der Reichstagswahl 1933 erhielten die Nationalsozialisten lediglich fünf Prozent der Stimmen. Nach dem Krieg kamen bis heute immer wieder Besuche von jüdischen Familien, die Weiskirchen während der Nazizeit verlassen mussten.

Weitere Stationen des Rundgangs waren das Dorfgefängnis im alten Wachthaus, die Figur des Heiligen Nepomuk und die 1902 erbaute alte Dorfschule, wo heute die Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule beheimatet ist. An der katholischen Pfarrkirche St. Petrus in Ketten erinnerte Helmut Trageser daran, dass die Kirche nach einem britischen Bombenangriff im November 1943 komplett ausbrannte. Die örtliche NSDAP-Führung wies die Feuerwehr an, alle Spritzen auf das benachbarte Partei-Lokal zu richten, die Kunstschätze in der Kirche waren verloren.

Helmut Trageser berichtete über die archäologischen Grabungen auf dem Gelände der früheren Brückenmühle. Der Rundgang endete im Heimatmuseum im alten Spritzenhaus, wo es unter anderem eine Landkarte aus dem Jahr 1450 und ein Luftbild der Amerikaner aus dem Zweiten Weltkrieg zu bestaunen gab. Das älteste Exponat in der Ausstellung im Heimatmuseum sind 4000 Jahre alte Scherben aus der Schnurkeramikzeit. Zu sehen ist auch die erste urkundliche Erwähnung Weiskirchens vor 800 Jahren. Helmut Trageser hatte viele interessante Geschichten und Zahlen parat.

(Text: PS)