Depression: Im Odenwaldkreis bieten drei Selbsthilfegruppen Hilfe an

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Ihre Angebote der Selbsthilfe für Menschen mit Depressionen präsentieren von links: Werner Niebel (SHG Angst-Panik-Depression), Heidrun Trautmann (Selbsthilfe des Roten Kreuzes) und Holger Leitermann (SHG Semikolon). Dieter Schneider (2. v. l.) kämpft mit offenem Visier gegen die Erkrankung an, nachdem sich dessen Sohn als Betroffener umgebracht hat. (Foto: Michel Lang, DRK-Odenwaldkreis)

„Depression ist eine ernsthafte Krankheit, doch man sieht sie nicht wie eine blutende Wunde und sie schmerzt nicht wie ein gebrochenes Bein. Und doch tut sie unglaublich weh. Sie drückt mit der großen Last einer abgrundtiefen Traurigkeit auf das Gemüt, nagt vielen Betroffenen am Lebensmut. Oft hat sie Selbstzweifel sowie Angstzustände in ihrem unerwünschten Gepäck, das bleischwer auf der Seele lastet“, erklärt ein Betroffener aus seiner Sicht die für viele Menschen unverständliche Schwermut. Verstehen könne eine Depression nur derjenige, der sie erleben muss.

Was in der Bevölkerung immer noch fehle, sei die Akzeptanz dieses in fast allen Fällen behandlungsnotwendigen Leidens. Erkrankte seien nämlich keine Faulenzer, weil sie nicht mehr aus dem Bett kämen und keine Miesepeter, weil sie nicht mehr lachten. „Es geht schlicht und einfach nicht mehr.“

So haben am vergangenen Freitag im Festsaal des Volksbank-Atriums in Erbach verschiedene Gruppen um mehr Einsicht in diese undurchsichtige Erkrankung geworben und den Besuchern mit Gesprächen, Flyern, Kontaktmöglichkeiten sowie weiterem Informationsmaterial eine solide fachliche Aufklärung geboten.

„Die Welt ist zu schön für Depression“

Unter dem Motto „Die Welt ist zu schön für Depression“ waren als Veranstalter die lokalen Selbsthilfegruppen „Angst-Panik-Depression“ unter der Leitung von Werner Niebel und die Selbsthilfegruppe „Semikolon“ mit ihrem Sprecher Holger Leitermann angetreten, um mit reichlich Fachwissen jener Erkrankung mittels verständlicher Erläuterungen die Stirn zu bieten und sie aus dem Schatten des Nebulösen an die Öffentlichkeit zu holen. Mit im Boot war das regionale Roten Kreuz, das in einer Kooperation mit der Diakonie im Odenwald ebenfalls eine Selbsthilfegruppe für Depression und Angststörungen anbietet.

Das Semikolon steht als Satzzeichen für ein Weitermachen und schließt somit den Schlusspunkt aus. So versteht sich auch die gleichnamige Gruppe, die in Gesprächskreisen und Seminaren die Probleme anpackt und mit einer etwas außergewöhnlichen Aktion ihre Präsenz unterstrich: „Es waren 15 Personen, die das Angebot wahrgenommen haben und sich auf Spendenbasis unser Erkennungszeichen von einem Tattoo-Spezialisten auf den Körper tätowieren ließen“, informiert Holger Leitermann.

Viel zu tun hatten aber auch Mitveranstalter Werner Niebel und Hagen Juras sowie Heidrun Trautmann vom Roten Kreuz: „Wir hätten nicht gedacht, dass sich so viele Interessierte einfinden würden, die nach Hintergrundinformationen und Fakten zum Thema fragten“, sagten sie im Nachgang unisono.

So auch ein Betroffener aus Höchst: „Ich leide unter Depression und möchte mich auf dem Laufenden halten, was es an Angeboten der Selbsthilfe im Odenwaldkreis gibt. Auch kann man hier mit anderen in Kontakt kommen und einen Austausch pflegen.“ „Ich lasse mir erst das Semikolon tätowieren, dann möchte ich mich umfassend über sämtlich Offerten informieren“, antwortete eine Betroffene aus Erbach.

Hilfe zur Selbsthilfe

Therapeuten im klassischen Sinne sind die Teilnehmer des Tages nicht. „Es geht um die Hilfe zur Selbsthilfe“, unterstreicht Leitermann. Aktuell verzeichnet die Erkrankung Depression über 264 Millionen Fälle weltweit und übertrifft damit die dokumentierten Krebs – und Skelettleiden. Bekanntes Opfer der gefährlichen Schwermut war der Fußballtorwart Robert Enke, der sich 2009 das Leben genommen hat.

Einen Höhepunkt der Veranstaltung bot der Film „Ride don´t Hide“ von und mit dem ehemaligen Olympia-Fechter Dieter Schneider, dessen Sohn ebenfalls wegen Depressionen ebenfalls den Freitod wählte. Fünf Kontinente hat Schneider danach mit dem Motorrad bereist und in beeindruckenden Aufnahmen deren Schönheit gezeigt als auch mit an Depressionen leidenden Menschen vor Ort gesprochen. Im Jahr 2021 hat er den überregionalen Motorradclub „Fellows Ride“ gegründet, der Spenden für Erkrankte generiert und somit auf die Volkskrankheit aufmerksam macht. An diesem Tag konnte Dieter Schneider 3000 Euro an die Selbsthilfegruppe „Angst-Panik-Depression“ und an das „Darmstädter Bündnis gegen Depression“ übergeben.

Nach der Vorführung im vollbesetzten Saal fand eine Diskussionsrunde mit Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern sowie zwei Betroffenen, die Angehörige durch Freitod verloren haben, statt.

Tag ein voller Erfolg

Die Veranstalter werten diesen Tag mit „Handreichungen für seelische Fitness und mentale Gesundheit“ als Erfolg. Schließlich sei die Welt zu schön für Depression. Der Einladung waren zahlreiche Selbsthilfegruppen mit anderen Schwerpunkten gefolgt, die sich im Festsaal der Öffentlichkeit präsentiert haben.

Übrigens: Wer sich in seinem Leiden von Fachstellen missverstanden oder gar ignoriert fühlt, kann sich bei der Unabhängigen Beschwerdestelle für Psychiatrie (UBSP) unter Tel. 06062 / 703602 melden oder über die E-Mail: psych-beschwerdestelle@odenwaldkreis.de einen Termin vereinbaren. Diese arbeitet streng vertraulich, ehrenamtlich, neutral, unabhängig und kostenfrei.

Ein Wermutstropfen trübte die Veranstaltung: Die Initiatoren hätten es gerne gesehen, wenn auch Vertreter der politischen Parteien durch ihre Anwesenheit dem sensiblen und hochaktuellen Thema Respekt gezollt hätten.

Kontakt:
SHG Angst-Panik-Depression: www.shg-apd.de
SHG Semikolon: www.shg-semikolon.de
SHG des Roten Kreuzes: www.selbsthilfe.drk-odenwaldkreis.de

(Text: PM DRK Odenwaldkreis)