Crackkonsum im Frankfurter Bahnhofsviertel leicht gesunken

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Frankfurter Bahnhofsviertel (Foto: 445693 auf Pixabay)

Szenestudie 2022 bietet wichtige Informationen zum Konsumverhalten der Abhängigen und für die Weiterentwicklung des Frankfurter Wegs

Der Crackkonsum im Bahnhofsviertel ist 2022 im Vergleich zum Corona-Jahr 2020 von einem sehr hohen Niveau gesunken. Gaben 2020 noch 87 Prozent der befragten Drogenabhängigen auf der Szene an, in den vergangenen 24 Stunden Crack konsumiert zu haben, waren es 2022 noch 77 Prozent. Die Abhängigen nutzen dafür nach eigenen Angaben auch häufiger als früher die speziell eingerichteten Rauchräume. Aktuell geben dies 18 Prozent der Befragten an, mehr als die Hälfte raucht Crack aber nach wie vor auf der Straße.

Heroin verliert offenbar weiter deutlich an Attraktivität: 2022 gaben nur noch 32 Prozent der Befragten an, in den vergangenen 24 Stunden Heroin genommen zu haben – fast halb so viel wie noch 2020. Dagegen ist 2022 der Alkohol- und Cannabiskonsum in der Szene deutlich gestiegen. 53 Prozent der Befragten haben nach eigenen Angaben in den vergangenen 24 Stunden Alkohol getrunken. Zwei Jahre zuvor waren es noch 43 Prozent. Bei Cannabis stieg die 24 Stunden-Prävalenz von 22 auf 39 Prozent.

Dies sind einige auffallende Ergebnisse der Szenestudie 2022, für die das Centre for Drug Research der Goethe-Universität von Juni bis August 150 Drogenabhängige vom harten Kern der Szene im Bahnhofsviertel mit halbstündigen Interviews befragt hat. Das Drogenreferat fördert die Szenestudie seit 2002. Als ein Modul der jährlichen Frankfurter Drogentrendstudie Monitoring System Drogentrend (MoSyD) werden die Interviews auf der offenen Szene alle zwei Jahre geführt.

Aktuelles Bild der Szene als Grundlage für die Drogenhilfeplanung

„Dank der engmaschigen Erhebung haben wir ein sehr genaues und ständig aktualisiertes Bild der Szene im Bahnhofsviertel und können auch langfristige Entwicklungen gut interpretieren“, sagt Gesundheitsdezernent Stefan Majer. „Im Moment befassen wir uns intensiv mit Behandlungsmöglichkeiten beim Crackkonsum und planen dazu mit anderen Städten ein Modellprojekt. Deshalb interessieren wir uns besonders für die Ergebnisse zu Crack.“

Nach welchen Mustern wird konsumiert? Wo und wie häufig? Welche Substanzen nehmen Abhängige noch außer Crack zu sich? Welche gesundheitlichen und sozialen Folgen und Risiken bedeutet dies für die Menschen? Wie sehen ihre Lebensumstände aus? All die Informationen, welche die Szenestudie liefert, nennt auch der Leiter des Drogenreferats Artur Schroers essenziell für die tägliche Arbeit: „Das gilt für Safer Use-Utensilien für Crackkonsumierende, die wir demnächst ausgeben wollen bis hin zu niedrigschwelligen Rückzugsräumen mit Tagesstruktur oder weiteren neuen Angeboten.“

Interessant für die Expertinnen und Experten im Drogenreferat und der Drogenhilfe sind auch die Informationen zu Substanzen, die neben Crack, Heroin und Kokainpulver noch im Umlauf sind wie Benzodiazepine oder Fentanyl. Laut dem Verfasser der Studie, Bernd Werse vom Centre for Drug Research, hat gerade der Fentanylgebrauch nach vorherigem Anstieg wieder deutlich abgenommen: „Die 24-Stunden-Prävalenzraten gingen von neun Prozent im Jahr 2020 auf drei Prozent 2022 zurück.“ Für den Leiter des Drogenreferats dennoch kein Grund zur Entwarnung: „Der Fentanylgebrauch lässt uns wegen der hohen Wirkungspotenz und damit einhergehender Überdosierungsgefahr aufhorchen. Mehr als jeder und jede Fünfte hat laut Szenestudie im vorigen Monat Fentanyl konsumiert. Für uns bedeutet das, dass wir die Informationen über Fentanyl und die Prävention verstärken.“

Dezernatsübergreifende Problemlösungen

Handlungsbedarf sehen Stadtrat Majer und Drogenreferatsleiter Schroers weiterhin beim Thema Unterkünfte für Drogenabhängige. Die Zahl derer, die Werse „faktisch obdachlos“ nennt, ist vom Höchstwert im Jahr 2020 mit 62 Prozent leicht auf 51 Prozent gesunken: „Aber das sind immer noch mehr als die Hälfte der Befragten, die in prekären Wohnverhältnissen leben“, sagt Majer. Die dezernatsübergreifenen Arbeitsgruppen, die das Drogenreferat mit dem Sozialamt, dem Gesundheitsamt, Ordnungsamt und der Polizei ins Leben gerufen hat, seien unerlässlich, um die komplexen Probleme der Menschen auf der Szene anzugehen und so die Situation insgesamt zu entspannen, bestätigt Schroers: „Ein Mensch ist eben nicht nur drogenabhängig, sondern vielleicht auch wohnungslos, ohne Krankenversicherung oder ohne geklärten Rechtsstatus.“

Ermutigend nennen Majer und Schroers die steigende Zahl der Substitutionsbehandlungen. Laut Szenestudie 2022 stieg der Anteil der Substituierten von 44 Prozent im Jahr 2020 auf 49 Prozent im Jahr 2022. Majer und Schroers verweisen auf die zusätzlichen 30 Substitutionsplätze für Menschen ohne Krankenversicherung, die die Stadt geschaffen hat. Die Bereitschaft zur Substitution steige aber generell: „Uns stimmt optimistisch, dass das Interesse zur Diamorphinvergabe vorhanden ist“, sagt Majer. Dies wurde bei der Szenestudie 2022 erstmals abgefragt: Neun Prozent würden sich mit Diamorphin behandeln lassen, 28 Prozent gaben sich unschlüssig. Die Befragung offenbarte, dass offenbar Mythen über Qualität und Wirkung des medizinischen Heroins im Umlauf sind, die Konsumierende zurückschrecken lassen. „Wir werden mit verstärkten Informationen und Aufklärung reagieren“, kündigt Schroers an. „Dadurch können wir sicherlich weitere Klientinnen und Klienten für das wirksame Angebot gewinnen.

Die Befragung von 150 Drogenabhängigen ist zwar keine repräsentative Erhebung, sagt Schroers. „Sie gewährt uns aber wichtige Einblicke in die Frankfurter Drogenszene, weil sie auf einen spezifischen, im öffentlichen Bewusstsein jedoch sehr präsenten Ausschnitt des Drogenkonsums fokussiert. In der Zusammenschau mit anderen Studien und Erhebungen wie zum Beispiel der Konsumraumdokumentation ist die Szenestudie eine wertvolle Ergänzung.“

Die gesamte Studie steht unter Drogenreferat zum Download bereit.

(Text: PM Stadt Frankfurt)