Kein Abriss: Das „Tropical“ in Münster bleibt noch lange stehen

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In einem Teil des „Tropical“ und auf dem Parkplatz haben sich seit wenigen Tagen eine Automobilagentur und eine Leasingfirma eingemietet. Abriss der ehemaligen Kultdisko und Neubebauung des 2.000 Quadratmeter großen Geländes sind erstmal vom Tisch. (Foto: jedö)

Eine der prominentesten Flächen in Münster, die ihrer Entwicklung harren, bleibt auf absehbare Zeit weitgehend, wie sie ist: Die Dieburger G&C Projektentwicklung GmbH, die 2016 das „Tropical“-Gelände vom privaten Vorbesitzer erwarb, plant inzwischen keinen Abriss der ehemaligen Kultdiskothek und keine Neubebauung des Grundstücks mehr.

Stattdessen ist die weithin bekannte Ex-Disko nun teilweise neu vermietet worden. In wenigen Jahren soll eine richtungsweisende Entscheidung zur langfristigen Zukunft der Immobilie fallen, die ortsbildprägend am Münsterer Ortsausgang Richtung Altheim liegt.
Wer sich wundert, dass Investoren das 2.000 Quadratmeter große Areal gekauft und trotz langer Zeit erträglichen Bau- und paradiesischen Finanzierungskosten auch sieben Jahre später nicht sichtbar verändert haben, muss seine jüngere Geschichte kennen. Noch 2017 war für G&C-Geschäftsführer Cagdas Güven, der mit Co-Investor Ali Ekrem Celik zum Kaufzeitpunkt bereits konkrete Pläne ausgearbeitet hatte, eigentlich klar: Das Bestandsgebäude sollte erhalten, kernsaniert und künftig als Boardinghouse mit 30 kleinen Apartments und hotelähnlichem Service geführt werden. Damals wie heute erlaubt der Bebauungsplan für das vis-à-vis dem Feuerwehr-Stützpunkt gelegene Gelände eine rein gewerbliche Nutzung, schließt Wohnungen (Wohnfläche, die der Gewerbetreibende selbst nutzt, ausgenommen) also aus.

Die G&C Projektentwicklung, die Teil der in Dieburg ansässigen und voraussichtlich im Oktober 2023 ins Münsterer Baugebiet „Am Seerich“ umziehenden G&P-Gruppe der Familie Güven ist, geriet zunächst in eine Debatte mit dem Kreis-Bauamt, das der Auffassung war, dass das dereinst geplante Boardinghouse eher „Wohncharakter“ hätte und anders als etwa ein klar gewerbliches Hotel einzustufen sei. Rechtlich hätte Güven ein Boardinghouse wohl dennoch durchsetzen können und besäße diesen Spielraum bis heute.

Doch brachte der 2020 abgewählte Bürgermeister Gerald Frank (SPD) dann die Idee ins Spiel, auf dem Tropical-Gelände einen Mix aus Wohn- und Gewerbenutzung zu schaffen und die 2.000 Quadratmeter große Fläche dafür rechtlich zum „urbanen Gebiet“ umzuwidmen. Güven war dafür offen und investierte in mehrere Planungen. Der neue Bürgermeister Joachim Schledt (parteilos) und die seit der Kommunalwahl 2021 neue Gemeindevertreter-Mehrheit von CDU und FDP beharren inzwischen aber wieder auf dem bestehenden Bebauungsplan und einer rein gewerblichen Nutzung.

Eine solche Entwicklung lässt sich für die Investoren mittlerweile aber nicht mehr wirtschaftlich darstellen. „Selbst wenn wir schon die Baugenehmigung auf dem Tisch hätten, könnten wir jetzt nichts mehr machen“, sagt Cagdas Güven. Was meint: Bau- und Finanzierungskosten seien zuletzt so stark gestiegen, dass sich mit dem Abriss des Tropicals und einer gewerblichen Neubebauung des Filetstücks keine auskömmliche Rendite mehr erzielen lasse. „Wir erleben das bei unserem Neubau im Seerich gerade selbst“, sagt Güven. Die Baukosten dort seien gegenüber der Kalkulation von 2019 mittlerweile um 35 Prozent gestiegen. Die Zinsen für Baudarlehen haben sich seit vorigem Jahr verdreifacht.
Daher nun die Abkehr von den bisherigen Plänen: Güven hat einen Teil der Immobilie und den Parkplatz an seinen Cousin Mazlum Gülec vermietet, der dort eine seit wenigen Tagen eine Automobilagentur betreibt. Zudem hat ein Freund von Gülec als Untermieter mit einer Leasingfirma die Geschäfte aufgenommen. Die Gaststätte „Stadtwache“ im Komplex ist seit langem konstant vermietet, die beiden Wohnungen seit ein paar Monaten wieder. Nur jene 700 Quadratmeter, auf denen früher die Diskogänger feierten, sind praktisch ungenutzt, dienen derzeit nur als Lager.

Mit dem Ist-Zustand müssen sich die Investoren wie auch die Gemeinde und alle Münsterer wohl einige weitere Jahre lang arrangieren. „Ich finde es schade, dass man dieses erschlossene Gebiet weiter so brachliegen lassen muss“, sagt Cagdas Güven. „Aber durch die Zinsen und Baukosten sind Abriss und Neubau erstmal kein Thema mehr.“ Sein Ausblick: „Ich lasse es nun erstmal zwischenvermietet. In drei, vier Jahren gibt’s eine Entscheidung, ob ich eine Sanierung mache oder alles verkaufe.“ Eine Sanierung wäre dann „eine Investition, die zu einer Vermietung für weitere 15 bis 20 Jahre führen würde“.

(Text: jedö)