„Das Wohl kranker Kinder findet in Hessen zu wenig Beachtung“

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Diskutierten abwechselnd gute drei Stunden auf dem Podium (v.l.n.r.): Kathrin Anders, MdL, Gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen in Hessen, Lisa Gnadl, Sozialpolitische Sprecherin der SPD Hessen, Prof. Dr. med. Charlotte Niemeyer, Direktorin Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie Universitätskinderklinik Freiburg, Wolfgang Heyl, Geschäftsführer Bürgerhospital und Clementine Kinderhospitals, Sabrina Lorenz, Patientenvertreterin aus Münster, Prof. Dr. med. Dipl. Theol. Christine Freitag, Direktorin Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Universitätsklinikum Frankfurt und Moderator Gerd Scobel. (Foto: Lisa Farkas)

Kinderhilfestiftung und Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt: Vereine luden ein zur Podiumsdiskussion „Kranke Kinder haben Rechte!“

Anlässlich des Doppeljubiläums der Kinderhilfestiftung e. V. Frankfurt und Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt e. V. haben die beiden Vereine eine Podiumsdiskussion zum Thema „Kranke Kinder haben Rechte“ veranstaltet. Im Literaturhaus Frankfurt diskutierten acht Fachleute unter der Leitung des Journalisten und Fernsehmoderators Gert Scobel die Frage, wie unsere Gesellschaft die Rechte von schwer und chronisch kranken und benachteiligten Kindern in Zukunft noch besser wahren kann. „Die angemessene medizinische Versorgung von Kindern ist in einer ernsthaften Krise“, stellte Dr. Michael Henning fest, Vorstandsvorsitzender der Kinderhilfestiftung. Dabei ist in den Kinderrechten der hessischen Verfassung verankert, dass „das Wohl des Kindes ein wesentlich zu berücksichtigender Gesichtspunkt ist.“ Karin Reinhold-Kranz, Vorstandsvorsitzende des Vereins Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt, ergänzt: „Wir sehen jedoch, dass diesem Recht nicht entsprochen wird. Dringend benötigte Betten sind gesperrt, Chemotherapien und geplante Operationen werden verschoben, Medikamente sind nicht verfügbar.“

Kinderrechte im Grundgesetz verankern

Seit Jahren schon fordert der Rechtswissenschaftler Philipp B. Donath, Professor an der University of Labour in Frankfurt und Dozent an der Europäischen Akademie der Arbeit in der Frankfurter Universität, dass Kinderrechte im Grundgesetz verankert werden. Auf diesen Zustand machte er in seinem Impulsvortrag noch einmal eindeutig aufmerksam.

In der darauf anschließenden Diskussionsrunde wurde deutlich: Der in der hessischen Verfassung verbriefte Anspruch, das Wohl des Kindes „wesentlich zu berücksichtigen“, muss im gesundheitspolitischen Handeln deutlicher in den Vordergrund rücken. „Jegliche Maßnahmen, wie zum Beispiel beim Bau von Kliniken oder in der Gesundheitsversorgung, müssen mehr als bisher anhand dieses Prinzips überprüft werden“, forderten die beiden Vereinsvorsitzenden. „Hätte man das getan, hätte es zum Beispiel keinen Engpass bei der Versorgung von schwerkranken Kindern mit RSV-Infektion gegeben und keinen Mangel an Intensivbetten für Kinder.“

Dass das Gesundheitssystem schon lange krankt, weiß Sabrina Lorenz, die selbst chronisch krank ist und als Patientenvertreterin Menschen mit chronischen Erkrankungen unterstützt. „Es geht darum, angenommen zu werden mit der Erkrankung, nicht wegen oder trotz ihr. Daher ist es mein Ziel, ein Leben mit der Krankheit zu führen, nicht gegen sie. Doch dies ist nicht so einfach in einem System, welches nicht für Menschen mit Behinderungen und/oder chronischen Erkrankungen gemacht ist. Daher helfe ich Menschen mit chronischen Erkrankungen und/oder Schwerbehinderungen und ihren Angehörigen, sich in diesem System zurechtzufinden und Resilienz aufzubauen.“

„Kinderrechte haben in Hessen Verfassungsrang“

Dass das System angepasst werden muss, der Meinung ist auch Wolfgang Heyl, Geschäftsführer des Bürgerhospitals und des Clementine Kinderhospitals in Frankfurt: „Ich bin überzeugt davon, dass ein belastbares Gesundheitssystem nur auf einer funktionierenden Pädiatrie aufbauen kann. Davon sind wir in Deutschland aber leider nach wie vor weit entfernt.“ Kathrin Anders, Landtagsabgeordnete und gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, betonte: „Kinder haben Rechte und diese Rechte haben in Hessen Verfassungsrang. Deswegen ist es von Anfang an Aufgabe aller Institutionen, diese Rechte zu wahren. Deswegen müssen wir mehr über Kinderrechte und deren Umsetzung sprechen.“

„Kindermedizin darf nicht profitabel sein – sie muss helfen“

Die ebenfalls bei der Diskussion anwesende sozialpolitische Sprecherin der SPD Hessen, Lisa Gnadl, machte in diesem Zusammenhang deutlich: „Alle Kinder haben einen Anspruch auf ausreichende medizinische Versorgung. Um diese zu gewährleisten, brauchen wir eine ausreichende Versorgungsstruktur mit mehr Zeit für die ganzheitliche, altersgerechte Versorgung kranker Kinder.“ Sie warnte: „Die Gesundheitsversorgung in Hessen ist nicht mehr in allen Regionen sichergestellt, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich, sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dafür muss die Hessische Landesregierung dringend entsprechende Krankenhausinvestitionen tätigen, um den Krankenhäusern unter die Arme zu greifen und für die kleinen Patienten eine ausreichende Versorgung sicherzustellen. Kindermedizin darf nicht profitabel sein – sie muss helfen.“

(Text: PM Kinderhilfestiftung e. V. Frankfurt)