Waschbären mit blinden Passagieren im Gepäck

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Symbolbild Waschbär (Foto: svklimkin auf Pixabay)

Neue Studien im Rahmen des Verbundprojektes ZOWIAC ordnen die Übertragungsgefahr von Krankheiten durch Waschbären ein

Der ursprünglich aus Nordamerika stammende und in Deutschland mittlerweile weit verbreitete Waschbär gilt als wichtiger potenzieller Überträger von Infektionskrankheiten auslösenden Erregern und Parasiten. Im Rahmen des Verbundprojektes ZOWIAC (Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren) hat ein Team rund um den Parasitologen Prof. Dr. Sven Klimpel die potenzielle Übertragung des Coronavirus (SARS-CoV-2), des West-Nil-Virus (WNV) und des Usutu-Virus sowie die Rolle von Waschbären als Zwischenwirte und Wirte für Ekto- und Endoparasiten untersucht. Die Studien erschienen in den Fachjournalen „Viruses“ und „International Journal for Parasitology“.

Waschbären (Procyon lotor) sind Allesfresser, deren Ernährung sich, jahreszeitlich bedingt, zu etwa 40 Prozent aus pflanzlichen und 60 Prozent tierischen Bestandteilen zusammensetzt – ihre hohe Geschicklichkeit ermöglicht es ihnen sogar, für heimische Tierarten ungenießbare Tiere wie Erdkröten zu häuten und zu verzehren, mit entsprechenden Auswirkungen auf lokale Amphibienbestände. Insbesondere Städte bieten den Tieren mit der charakteristischen schwarzen Maske einen attraktiven Speiseplan: Mülleimer, Komposthaufen und Gärten ermöglichen leicht zugängliches Futter. „Interaktionen zwischen Menschen, Haus- und Nutztieren und Waschbären werden daher unweigerlich zunehmen. Dies macht das Säugetier zu einem potenziell geeigneten Zoonose-Vektor – einem Überträger von Infektionskrankheiten, die beispielsweise von Bakterien, Parasiten oder Viren verursacht und wechselseitig zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können“, erklärt Prof. Dr. Sven Klimpel vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt, der Goethe-Universität Frankfurt und dem LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik und fährt fort: „Anders als bei Nutztieren werden Krankheiten von Wildtieren nur in Ausnahmefällen und wenn sie nicht zu übersehen sind – wie bei der Vogelgrippe oder der Schweinepest – entdeckt und überwacht. In unseren beiden neuen Studien haben wir gezielt Waschbären bezüglich ihrer Parasiten sowie ihres Potentials als Überträger des Corona- und West-Nil-Virus untersucht“

Die beiden neuen Studien wurden von Klimpel und seinem Team im Rahmen des Verbundprojektes ZOWIAC durchgeführt, das der Erforschung von Invasionsprozessen solcher gebietsfremden und einwandernden Fleischfresser, deren Auswirkungen auf heimische Ökosysteme, sowie den potenziell damit verbundenen gesundheitlichen Risiken für den Menschen dient. „Invasive oder gebietsfremde Arten zeichnen sich durch ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und eine rasche geografische Ausbreitung aus und können bestimmte Krankheitserreger aus ihren Herkunftsgebieten in die neu besiedelten Gebiete mitbringen oder gegen dort vorhandene Erreger immun sein“, erläutert Klimpel den Fokus auf invasive, gebietsfremde Arten.

Insgesamt 23 verschiedene Parasitenarten identifiziert

Die Forschenden rund um den Frankfurter Parasitologen untersuchten 234 Waschbären aus Mitteldeutschland auf Parasiten. Insgesamt identifizierten sie 23 verschiedene Parasitenarten, von denen fünf humanpathogen und damit in der Lage sind beim Menschen Krankheiten hervorzurufen. 14 der nachgewiesenen Arten waren bislang unbekannt bei europäischen Waschbären. Der humanpathogene Waschbärspulwurm Baylisascaris procyonis stellte mit einem Gesamtbefall von bis zu 95 Prozent die häufigste Parasitenart. Erstmalig wurde zudem der Saugwurm Plagiorchis muris, eine ebenfalls humanpathogene Parasitenart, bei Waschbären nachgewiesen. „Unsere Ergebnisse unterstreichen die Rolle der eingewanderten Raubtiere als Zwischenwirte und Wirte für Ekto- und Endoparasiten. Die anhaltende Ausbreitung der Waschbären und die damit verbundene Verbreitung und Übertragung ihrer Parasiten erhöht das potenzielle Gesundheitsrisiko für Wild- und Nutztiere sowie für uns Menschen. Eine Zunahme parasitärer Erkrankungen beim Menschen, beispielsweise durch den Waschbärspulwurm, ist, insbesondere in städtischen Gebieten, zu erwarten“, fasst Klimpel zusammen.

In einer zweiten Studie führten Klimpel und Co in Zusammenarbeit mit dem Friedrich-Loeffler-Institut am Standort Insel Riems, Greifswald anhand von 229 Waschbären eine Risikoanalyse zur Infektion und Übertragbarkeit des Corona-, West-Nil-, und Usutu-Virus durch. Zu diesem Zweck untersuchten sie Blutproben von Waschbären aus verschiedenen Fanggebieten in Deutschland auf die drei Viren sowie auf deren Antikörper. Alle untersuchten Proben waren molekularbiologisch negativ, einige jedoch serologisch positiv für West-Nil-Virus und das Usutu-Virus. „Aus unseren Ergebnissen lassen sich aktuell keine konkreten Hinweise auf eine Verbreitung oder eine Anfälligkeit für SARS-CoV-2 in der deutschen Waschbärpopulation ableiten. Die serologischen Befunde zeigen jedoch, dass Waschbären sowohl mit dem West-Nil-Virus als auch dem Usutu-Virus infizierbar sind. Daher werden unsere weiteren Untersuchungen die invasiven, gebietsfremden Raubtierpopulationen im Auge behalten, um beispielsweise eine potenzielle Entwicklung der Waschbären zum Reservoirwirt frühzeitig zu erkennen und damit einer Übertragung von Viruserkrankungen auf den Menschen vorzubeugen“, schließt Klimpel.

(Text: PM Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung)